Zwei Ergosign Mitarbeiterinnen unterhalten.

Research? Aber wir kennen unsere Nutzer!

16.11.2020 ‱ 6 minutes reading time

Dr. Verena RheinstĂ€dter Senior UX Researcher ‱ Solution Expert User Research & Qualitative Methods

Zum VerstĂ€ndnis von Nutzerinnen und Nutzern, ihrem Verhalten, ihrem Vorwissen und ihren BedĂŒrfnissen lassen sich zwei bewĂ€hrte methodische ZugĂ€nge unterscheiden: die Beobachtung im situativen Kontext und die DurchfĂŒhrung von Interviews. Das klingt einfach — ist aber keinesfalls so trivial, wie man meinen möchte. Deswegen haben wir auch in diesem Feld speziell ausgebildete Kolleginnen und Kollegen, die sich mit den Methoden der User Research in aller Tiefe auskennen.

Eines ist klar: User Research ist unerlĂ€sslich zur wirklichen Ausrichtung der Gestaltung auf die BedĂŒrfnisse von Nutzerinnen und Nutzer im User Centered Design. Denn nur, wenn tatsĂ€chlich (zukĂŒnftige) Anwenderinnen und Anwender in den Designprozess eingebunden werden, können wir sicherstellen, dass eine Applikationen zu den identifizierten BedĂŒrfnissen passt und einfach nutzbar ist. Wird wĂ€hrend eines Projekts User Research ausgelassen, so basiert das Konzept auf ungeprĂŒften Annahmen und lĂ€uft Gefahr, eher designerzentriert als nutzerzentriert zu sein: Auch UX Designer sind vor selbst-referentiellem Design nicht gefeit.

Im Vergleich zur klassischen User Research geht Service Design noch einen Schritt weiter und bindet nicht nur Nutzer und Nutzerinnen, sondern auch alle anderen Stakeholder innerhalb des Unternehmens in den Research- und Gestaltungsprozess mit ein, um eine ganzheitliche Lösung zu entwickeln. Mehr zu Service Design und Strategy finden Sie hier.

Was Research leistet

User Researcher kommen in UX-Projekten zentrale Rollen zu, denn sie stellen sicher, dass die Konzepte evidenz-basiert (oder moderner formuliert: data-driven) entwickelt werden. Um wĂ€hrend eines Projekts Annahmen ĂŒber Nutzerinnen und Nutzer, ihre Erfahrung, das System oder den Anwendungskontext zu ĂŒberprĂŒfen, greifen User Researcher auf methodisches Wissen zur Formulierung von Hypothesen zurĂŒck:

  • wie prospektive Nutzerinnen und Nutzern mit einem System interagieren.

  • welche Herausforderungen ihnen begegnen (können).

  • welche Pain Points sich ergeben und wie diese umgangen werden können.

  • anhand welcher Parameter sich die Hypothesen ĂŒberprĂŒfen lassen.

Zur fachgerechten ÜberprĂŒfung von Hypothesen mĂŒssen dazu passende Methoden ausgewĂ€hlt und angewandt werden. Nachfolgend stellen wir einen einen Auszug von Methoden vor, die helfen, Nutzerverhalten besser nachvollziehen zu können:

Methoden

Auswahl und Kombination

Je nach Projektphase sind UX Professionals mit verschiedenen Fragestellungen konfrontiert.
Anfangs geht es hĂ€ufig darum, ein prĂ€zises VerstĂ€ndnis der Nutzer(gruppen), des Nutzungskontextes, der Arbeitsziele und der entsprechenden Anforderungen und BedĂŒrfnisse zu erlangen sowie neue Möglichkeiten zu entdecken. HierfĂŒr bieten sich vor allem Job-Shadowings in Kombination mit Interviews an. Konzepte und Gestaltung können mit Usability Testings ĂŒberprĂŒft und auf Basis von Nutzer-Feedback iterativ angepasst werden, um so die QualitĂ€t des Produkts und die Akzeptanz zu verbessern.

Einfaches „Nachfragen“ in einer nicht-anwendungsbezogenen Situation ist oft nicht ausreichend. Denn es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was Menschen tun, und dem, was sie behaupten oder glauben zu tun. Hier kann das Beobachten von konkretem Verhalten helfen, den Nutzungsalltag zu begreifen. Deswegen sind professionelle Methoden das A und O, um belastbare Belege zu Hypothesen zu erhalten.

Usability und UX Testings

In einem Usability Testing fĂŒhren Teilnehmende typische (Arbeits-)aufgaben mit einem System durch, unsere Researcher begleiten diesen „Test“ und stellen gezielt Nachfragen. So gewinnen wir tiefe Erkenntnisse, die es uns erlauben, aus dem aktuellen Verhalten konkrete VerbesserungsansĂ€tze abzuleiten.

Nicht immer mĂŒssen Nutzerinnen und Nutzer fĂŒr einen Usability Test vor Ort sein; auch remote „Befragungen“ sind möglich. Einen anschaulichen Artikel zum Thema „Agiles remote Testing und Kandidatenrekrutierung“ fĂŒr Tests finden Sie hier.

In einem Usability Test treten UX Researcher sowohl als Moderatoren als auch als Beobachter auf. WĂ€hrend der DurchfĂŒhrung ist es hĂ€ufig von grossem Nutzen, wenn auch die verantwortlichen Designer — und unter UmstĂ€nden auch die Stakeholder auf Kundenseite — involviert sind und diese so direkt die Anwendung durch die Augen der Nutzerinnen und Nutzer verstehen können.

Kontextanalysen

WĂ€hrend Usability Tests hĂ€ufig in der kontrollierten Umgebung eines Labors und anhand vorstrukturierter Aufgaben stattfinden, finden Kontextanalysen im tatsĂ€chlichen situativen Anwendungskontext statt. Dies bedeutet, dass vor Ort gearbeitet wird, also dort, wo die Software spĂ€ter zum Einsatz kommen wird. Zwar wird auch hier hĂ€ufig auf einen Interviewleitfaden zurĂŒckgegriffen, um GesprĂ€ch und Beobachtung zu strukturieren, die Methode basiert aber auf der Idee, dass UX Researcher als SchĂŒler auftreten und von den Teilnehmenden lernen. Unsere Researcher gewinnen so detaillierte und fundierte Informationen zu Aspekten wie der (Arbeits-)umgebung, Workarounds, Artefakten oder der Interaktionen mit Kollegen.

Inspektionsmethoden


 wie Cognitive Walkthroughs oder heuristische Evaluationen binden zwar nicht notwendigerweise die tatsĂ€chlichen Nutzerinnen und Nutzer in den Designprozess ein, sollten aber von Personen durchgefĂŒhrt werden, die die DomĂ€ne sehr gut kennen und somit in der Lage sind, eine möglichst authentische Nutzerperspektive einzunehmen. Die Findings dieser Methode lassen sich durch das Unterteilen in Kategorien und Schweregrade quantifizieren.

Auf Interviews basierende Methoden – wie Fokusgruppen, Kontextanalysen und Usability Testings – liefern qualitative, also nicht-numerische Daten. Idealerweise werden verschiedene Methoden kombiniert, um ein tieferes VerstĂ€ndnis zu erlangen. Deshalb bitten wir z. B. Teilnehmende am Ende eines Usability Testings hĂ€ufig darum, einen standardisierten Fragebogen auszufĂŒllen und schauen dann, ob die Ergebnisse in die gleiche Richtung weisen oder interpretieren Abweichungen auf Basis umfassender Benchmarks.

So entdeckten wir in einem Kundentesting zwar einige Findings; trotzdem fiel der SUS-Score (System Usability Scale, ein quantitatives Erhebungsverfahren) der Software exzellent aus. Da keine wesentlichen Einbussen in der Experience zu erwarten waren, ging der Kunde mit dem Produkt wie geplant live und optimierte das Design im Anschluss.